Ernährung:

Für „Obst- und Gemüse-Muffel“ gilt: Bitte mehr trinken!

06. Oktober 2017

Ein Interview mit Ernährungswissenschaftler Günter Wagner, Vorstandsmitglied im Deutschen Institut für Sporternährung e.V., Bad Nauheim, zur Bedeutung eines hohen Obst- und Gemüsekonsums und zur Frage, was Obst und Gemüse mit dem Trinken zu tun haben.


Günter Wagner

Herr Wagner, Ihre im Sommer 2016 mit TNS Infratest durchgeführte, repräsentative Befragung hat deutlich gemacht, dass in Deutschland zu wenig Obst und Gemüse gegessen wird. Was ist daran so problematisch?
Ein hoher Obst- und Gemüseverzehr ist ein ganz wesentlicher Faktor, um das Risiko für viele Erkrankungen zu mindern. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) hat konstatiert, dass ein gesteigerter Verzehr von Obst und Gemüse das Risiko für Krebserkrankungen, Bluthochdruck, koronare Herzkrankheiten und Schlaganfall senken kann. Viele Studien zeigen, dass offenbar auch die Risiken für Demenz, bestimmte Augenkrankheiten wie Makuladegeneration, rheumatische Arthritis, Osteoporose, bestimmte Lungenkrankheiten und Fettleibigkeit sinken, wenn viel Obst und Gemüse in den Speiseplan eingebaut wird.

Was macht Obst und Gemüse so gesund?
Eine Vielzahl an natürlichen Mikronährstoffen im Obst und Gemüse hat positive Wirkungen auf unsere Gesundheit. Dabei geht es neben Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen vor allem um die sogenannten „Sekundären Pflanzenstoffe“. Diese natürlichen Geruchs-, Geschmack- und Farbstoffe sind nur in Obst und Gemüse bzw. in pflanzlichen Lebensmitteln enthalten. Sie wirken vielfältig auf die unterschiedlichsten Funktionen unseres Körpers und gelten als die „Vitamine des 21. Jahrhunderts“.

Was oft vergessen wird, ist der hohe Wassergehalt der meisten pflanzlichen Lebensmittel. Was Viele nicht wissen: drei Viertel der Banane sind reines Wasser. Ein Apfel besteht zu ca. 80% aus Wasser. Brokkoli und andere Kohlsorten weisen ca. 90% Wasser auf. Und grüner Salat hat einen Wasseranteil von ca. 95%.


Gemüse- und Obstverzehr in Deutschland. Dr. Wolz Zell GmbH und Deutsches Institut für Sporternährung e.V., 2016

Wie viel Obst und Gemüse sollte man demnach pro Tag verzehren?
Allgemein wird der Verzehr von fünf faustgroßen Einheiten Obst und Gemüse täglich empfohlen. Eine solche Einheit wäre zum Beispiel ein Apfel, ein kleiner Salat oder zweieinhalb Tomaten. Aktuelle internationale Studien kommen zu dem Schluss, dass man sieben Einheiten pro Tag verzehren sollte. Und die Weltgesundheitsorganisation WHO schlägt sogar neun Portionen vor. Ideal wäre zudem eine eindeutige Tendenz zugunsten des Gemüses. Es weist eine sehr viel höhere Nährstoffdichte an Vitaminen, Mineralstoffen und Sekundäre Pflanzenstoffen auf als Obst. Es stellt dem Körper pro Kalorie sehr viel mehr von diesen wertgebenden Inhaltstoffen zur Verfügung stellt.

Sind diese Mengen realistisch?
Die Forderung vieler Mediziner und Ernährungswissenschaftler, mehr Obst und Gemüse zu verzehren, ist absolut sinnvoll. Sie läuft aber bei den üblichen Lebens- und Verzehrgewohnheiten in Deutschland ins Leere, wie unsere Umfrage gezeigt hat.

Die empfohlenen 600 bis 800 g Obst und Gemüse pro Tag liefern ca. 550 bis 700 ml Wasser. Diese Menge ist in den Richtwerten für eine ausgeglichene Tageswasserbilanz mit einberechnet. Das bedeutet, dass uns ca. ¼ der empfohlenen Wassermenge pro Tag fehlt, wenn wir wenig Obst und Gemüse essen.

Kann man alternativ nicht einfach Obst- oder Gemüsesaft trinken?
Theoretisch ja. Leider sind reine Obstsäfte sehr energie- sprich kalorienreich. Sie enthalten zum Teil mehr Kalorien als Cola. Und Gemüsesäfte sind in Deutschland auch keine Lösung, da sie aus geschmacklichen Gründen relativ unbeliebt sind.

Was raten Sie denen, die die empfohlene Obst- und Gemüse-Menge nicht erreichen?
Zum einen sollten die sekundären Pflanzenstoffe berücksichtigt werden. Es hilft dabei nicht, eine Multi-Vitamintablette oder ein einfaches Vitalstoffkonzentrat einzunehmen. Denn es mangelt den Personen, die zu wenig Obst und Gemüse essen, ja nicht in erster Linie an Vitaminen oder Mineralstoffen. Ihnen fehlen vor allem die in Obst und Gemüse enthaltenen Sekundären Pflanzenstoffe. Sie wirken im natürlichen Verbund am effektivsten.

Zum anderen sollte die Trinkmenge gezielt erhöht werden, um die empfohlenen Richtwerte bei der Wasseraufnahme auch ohne Gemüse und Obst zu erreichen. Hier helfen mineralstoffarme Getränke nur bedingt weiter. Calcium- und Magnesium-haltige Mineralwässer hingegen sind gut zur Kompensation geeignet. Sie liefern diese beiden wichtigen Mineralstoffe kalorienfrei. Wenn ein Calcium-Magnesium-Verhältnis von 2:1 vorliegt, können beide Mineralstoffe besonders effektiv verwertet werden.

Für „Obst- und Gemüse-Muffel“ gilt demnach: Mehr und bewusster trinken?
Ja, absolut richtig. Dennoch ist auch ein erhöhter Verzehr pflanzlicher Lebensmittel anzuraten. Bei der in jedem Supermarkt angebotenen Palette an Obst und Gemüse sollte eigentlich für jeden etwas dabei sein, das schmeckt und das regelmäßig auf dem Speisenplan steht.

Herr Wagner, wir danken Ihnen für das Gespräch.


Quelle:

DEUTSCHES INSTITUT FÜR SPORTERNÄHRUNG e.V.
In der Aue 30-32
61231 Bad Nauheim
www.dise.online.

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